Modernes Nomadentum – Jurte, Wohnmobil & die Suche nach Heimat

Veröffentlicht am 19. April 2026 um 18:04

Frei sein, ankommen wollen – und die ehrliche Geschichte dazwischen

Seit 2021 leben wir ohne festen Wohnsitz. Was mit einem Gefühl von Freiheit begann, wurde zu einem Leben voller Begegnungen, Projekte und leiser Erschöpfung – und zu der Frage: Wo wollen wir eigentlich hin?

Es gibt Momente, die man nicht plant. Momente, in denen man einfach loslässt.


Der erste Schritt: Die Jurte

Bevor wir unseren festen Wohnsitz aufgegeben haben, haben wir erst einmal nur die Wohnung losgelassen. Nicht spektakulär, nicht mit großem Plan – sondern mit dem Wunsch, einfacher, naturnaher und freier zu wohnen.

Zusammen mit Jakob von Nomadic Home  haben wir eine Jurte gebaut. Und allein dieser Prozess – die Suche nach dem richtigen Ort, den richtigen Menschen – war schon eine Reise für sich.

Denn einen Jurtenstellplatz zu finden ist nicht so einfach, wie es klingt. Wir waren von Norddeutschland bis Hessen unterwegs, haben Menschen kennengelernt, die uns offen und herzlich ihre Grundstücke gezeigt haben. Jede dieser Begegnungen war ein kleines Geschenk. Am Ende wurden wir fündig: ein privates Grundstück in Mecklenburg-Vorpommern, wo auch unser Jurtenbauer Jakob selbst lebte. Genau der richtige Ort für den ersten Versuch.

Im April 2021 haben wir die Jurte aufgebaut. Bis Ende August war sie unser Zuhause.

Das Leben dort war einfach – im wortwörtlichsten Sinne. Kein fließendes Wasser. Keine Wassertoilette. Strom kam über Solar, gerade genug für das Wesentliche. Wäsche wurde im Waschsalon gewaschen oder bei der Familie. Geduscht haben wir mit einer einfachen Solardusche oder im Bürokomplex wo ich damals noch gearbeitet habe. Was sich nach Einschränkung anhört, fühlte sich alles andere als das an.

Es war toll. Wirklich.

Und mehr noch: es war lehrreich. Denn in dieser Zeit habe ich gelernt, dass es nicht viel braucht, um glücklich zu sein und sich wohlzufühlen. Dieses Gefühl – geerdet, nah an der Natur, nah bei dem, was wirklich zählt – trägt man irgendwie immer mit sich. Auch heute, gut fünf Jahre später, denken wir noch so gerne an diese Zeit zurück.

Die Jurte war unser erster Schritt raus aus der Normalität, die wir kannten. Und vielleicht der wichtigste.

Jurtenleben

Für die, die es interessiert hier noch ein paar Einblicke in den Aufbau der Jurte

Das Wohnmobil als Zuhause: Freiheit mit Ablaufdatum

Ende August 2021 dann der nächste Schritt: kein fester Wohnsitz mehr. Stattdessen ein Wohnmobil, eine Straße und die Frage, wohin sie führt. Was sich nach einem großen Schritt anfühlte, war in Wirklichkeit eher ein langsames Gleiten – raus aus alten Strukturen, rein in ein Leben, das wir noch nicht kannten.

Was seitdem passiert ist, lässt sich schwer in Worte fassen. Aber wir versuchen es trotzdem.

Die warmen Monate verbrachten wir unterwegs. Im Wohnmobil schläft man anders – nah an der Natur, nah aneinander. Man hört Regen auf dem Dach, wacht auf mit Blick auf Felder, Wälder oder das Meer. Es gibt keinen festen Rhythmus, außer dem, den man sich selbst gibt.

Über den Winter mieteten wir uns in Ferienwohnungen ein. Eine vorübergehende Ruhe. Vier Wände, die sich nach ein paar Wochen wie die eigenen anfühlten – und dann wieder losgelassen wurden.

Dieses Muster – Freiheit im Sommer, Ankommen im Winter – hatte etwas Schönes. Aber es hatte auch etwas Getriebenes. Man ist immer auf der Suche. Nach einem guten Stellplatz. Nach Strom. Nach einer Waschmaschine. Nach einer stabilen Internetverbindung. Nach einem Ort, an dem man einfach ist.

Arbeiten ohne es Arbeit zu nennen

Was uns von vielen digitalen Nomaden unterschied: Wir haben selten am Laptop gesessen und Aufträge abgearbeitet. Stattdessen haben wir uns eingebracht – in Projekte, bei Menschen, auf Höfen und in kleinen Initiativen.

Das Prinzip war einfach: Wer uns einen Stellplatz anbot, bekam unsere Unterstützung zurück. Gartenarbeit, Tierversorgung, Websites erstellen, Ferienwohnungen verwalten, Online-Marketing – was gebraucht wurde, haben wir gemacht.

Wir waren in Kroatien, Ungarn, Polen, Schweden und Deutschland. Haben nachhaltige Tourismusprojekte digital sichtbar gemacht. Haben großartige Menschen kennengelernt, die ganz anders lebten und dachten als wir.

Und das Merkwürdige: Es fühlte sich nie wie Arbeit an. Es floss einfach. Es war Teil des Tages, Teil des Rhythmus – so wie Kochen, Spazierengehen, Gespräche beim Abendessen. Die Grenze zwischen Leben und Arbeiten war weg. Manchmal vermissen wir genau das.

Was wir gewonnen haben – und was wir verloren haben

Man spricht viel über das, was man gewinnt, wenn man sich vom Gewohnten löst. Die Freiheit. Die Begegnungen. Das Wachsen. Das ist alles wahr.

Aber man spricht selten über das andere.

Was wir gewonnen haben:

  • Begegnungen mit Menschen, die wirklich anders denken und leben

  • Die Erfahrung, dass man wenig braucht – und das gut ist

  • Projekte, die sinnvoll waren und Spuren hinterlassen haben

  • Eine Flexibilität, die sich heute noch in allem zeigt, wie wir arbeiten

  • Die Gewissheit: Wir können das. Wir können loslassen.

Was wir verloren haben – oder vermisst haben:

  • Einen Ort, an dem man einfach ist. Ohne Plan, ohne Abfahrtsdatum.

  • Kontinuität. Freundschaften, die wachsen können, weil man bleibt.

  • Den Unterschied zwischen Urlaub und Alltag – er verschwimmt irgendwann.

  • Das Gefühl von Verwurzelung. Von: Hier bin ich zu Hause.

Irgendwann merkt man: Freiheit ist wunderbar. Aber Heimat fehlt.

Der Wunsch, anzukommen

Das ist vielleicht die ehrlichste Sache, die wir sagen können: Irgendwann wollten wir ankommen.

Nicht aufhören mit dem freien Leben. Nicht zurück in alte Muster. Aber ankommen. Einen Rhythmus finden, der nicht ständig neu verhandelt werden muss. Einen Ort, der sich nach uns richtet – nicht umgekehrt.

Diesen Ort haben wir noch nicht gefunden. Und das ist okay – auch wenn es manchmal schwer ist, das so zu sagen.

Was wir wissen: Wir wollen nicht zurück. Aber wir wollen auch nicht ewig weiterziehen. Irgendwo dazwischen liegt die Antwort.

Modernes Nomadentum: Was es wirklich bedeutet

Das Bild, das die sozialen Medien zeichnen, ist verführerisch. Laptop am Strand. Kaffee mit Meerblick. #vanlife. #digitalnomad. #freedomlifestyle.

Die Realität ist bunter, leiser, manchmal anstrengender – und viel menschlicher.

Modernes Nomadentum bedeutet nicht, der Normalität zu entfliehen. Es bedeutet, eine andere Form von Normalität zu suchen. Eine, die zu dir passt. Das kann ein Wohnmobil sein. Oder eine Jurte. Oder ein Rucksack. Oder sechs Monate in einem Land, das du nicht kennst. Oder – wie bei uns – die Frage, was als nächstes kommt. 

Es gibt keine perfekte Form. Nur die, die sich für euch richtig anfühlt – gerade jetzt.

Und jetzt? Ende April, offene Frage.

Die aktuelle Ferienwohnung haben wir bis Ende April gemietet. Dann?

Wir wissen es nicht. Und das ist gleichzeitig das Schwerste und das Ehrlichste, was wir gerade sagen können.

Wir haben nämlich gemerkt: Der Wunsch nach einem Ort wird lauter. Nach Kontinuität. Nach Verwurzelung, die nicht bedeutet, festzusitzen.

Das Wohnmobil ist verkauft und somit auch unsere Flexibilität. Denn wir wollten „sesshaft" werden. Und uns neu ausrichten. Trotzdem immer wieder auf Reisen gehen – aber anders.

Vielleicht ist das die eigentliche Reise, die vor uns liegt. Nicht die nach einem Land oder einem Stellplatz. Sondern die nach einem Ort, der sich nach Hause anfühlt.

Wir halten euch auf dem Laufenden - wenn ihr wollt?

Dieses Leben hat mich geprägt – auch als virtuelle Assistentin. Flexibilität, Eigenverantwortung und das Arbeiten von überall sind für mich keine Buzzwords, sondern gelebte Realität.

Lebst du auch nomadisch? Hast du Erfahrungen mit dem Wunsch, anzukommen – oder bewusst dagegen entschieden? Ich freue mich sehr über deine Geschichte – in den Kommentaren oder per Nachricht.

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